Dragoner
Kurz vor Büroschluss: eine ältere, weibliche Stimme ist am Telefon: "Sie vermitteln doch Modelle?" Ich: "Sind Sie ein Profimodel?"
Sie: "Nein, aber ich habe sehr gute Ideen. Nur habe ich keine Lust, alle möglichen Leute anzurufen, um denen meine Idee zu erklären."
Ähnliches hatte ich doch vor kurzem gehört? Ich: "Dann können wir ja wieder auflegen." Sie: "Ich glaube ich bin richtig bei Ihnen. Ich habe sehr viele Kostüme entworfen, mit Pailletten und Rüschen, sehr, sehr kostbar. Und die möchte ich in einer Revue aufführen. Am besten zu Tanztees in Cafés, wo sich Senioren treffen.
Ich: "Das Beste ist, Sie wenden sich an die Cafés direkt. Ich sehe hier über diese Agentur keine Möglichkeit, Sie zu vermitteln." Sie: "Das ist mir zuviel Telefoniererei, jedes Café und die Hotels anzurufen. Das kostet mich zuviel Zeit."
'Aber meine Zeit darf es kosten', dachte ich während sie weiter spricht: "Außerdem möchte ich diese Revue über ganz Deutschland verkaufen." Ich: "Haben Sie sich schon einmal mit dem Künstlerdienst in Verbindung gesetzt? Da gibt es eine Abteilung Artisten und Varieté." Sie: "Nein, den kenne ich gar nicht. Ich war kürzlich hier in einem Hotel, in dem ich die Revue zeigen konnte. Das war sehr erfolgreich und alle sagten mir, dass ich das weiter machen soll." Ich: "Wenn Sie sich nicht die Arbeit machen wollen, dann suchen Sie sich eine Agentur." Sie, meinen Satz ignorierend: "Es wäre ein Jammer, wenn diese Idee nicht weiter existieren könnte. Die Arbeit für die vielen Kostüme war sehr aufwendig. Ich will auch keine Anzeigen aufgeben. Die sind zu teuer. Ich brauche jemanden, der mich berät." Ich: "Eigentlich müsste ich Ihnen inzwischen für diese Beratung eine Rechnung schicken." Sie, unbeeindruckt: "Was mir fehlt, ist der Bekanntheitsgrad." Ich denke, 'was erwartet diese Frau eigentlich von mir? Dass ich die Arbeit für sie mache, damit sie berühmt wird?' Langsam fange ich an ungeduldig zu werden, immerhin sprachen wir schon über zwanzig Minuten: "Wenden Sie sich an das Fernsehen. Die sind dankbar für jedes Thema."
Sie: "Aber da gibt es nur drei Sender in München."
Nun reicht es mir endgültig: "Ich wünsche Ihnen viel Glück bei der Verwirklichung Ihres Vorhabens." Ich lege den Hörer auf, packe meine Sachen und fahre nach Hause.