Classics und Senior Models Logo

Aus dem Alltag einer Modelagentur

Margot

Mit ihren flatternden Fotos bereits in der Hand kommt ein Model zu mir hereingestürmt. Ich sehe mir ein Bild nach dem anderen an. Alle Motive sind schön gestylt und auf Kunst gemacht. Mit mindestens 3 Gazeschichten über dem Objektiv und furchtbar vielem Licht, damit ja keine einzige ihrer Falten zu sehen sind. Was war denn das für ein Fotograf? Ich werde stumm, weil die ganze Natürlichkeit dieser schönen Frau aus den Bildern herausgehauen worden ist. Zudem trägt sie auf den Fotos lange Haare weit über die Schulter. Jetzt gehen sie gerade bis zu ihren Ohrläppchen.
Das Model, sie ist Mitte 40, fragt mich: "Soll ich meine Haare noch kürzer schneiden?" Ich: "Um Gotteswillen, die sind so ideal." Sie: "Aber jeder trägt sie in dieser Länge. Vielleicht soll ich sie doch ganz kurz schneiden lassen." Ich: "Das liegt bei Ihnen, ich meine: "Nein."
 Sie fragt mich für den jetzt vor ihr liegenden Fragebogen, den sie ausfüllen muss: "Wie würden Sie meine Haarfarbe bezeichnen?" Ich: "Mittelblond." Sie: "Aber da ist auch eine rötliche Farbe drin." Ich: "Die hat jedes Haar." Sie: "Aber da sind auch weiße Haare drin." Sie zeigt mir ihren Hinterkopf. Ich kann nichts sehen, was ich ihr auch sage. Vorne hatte sie sich die Haare goldblond eingefärbt, weil dort ein Streifen weißer Haare wuchs. Ich sage ihr, dass die Farbe vorne nicht mit ihrem Teint zusammenpasst. Sie: "Soll ich die Haare blond färben? Wissen Sie, ich war früher eine Blonde." Ich: "Ich finde die Haarfarbe, bis auf die vordere Region, völlig in Ordnung."
Sie: "Und wissen Sie, um die Augen werde ich auch immer faltiger. Vielleicht sollte ich sie unterspritzen. Und mein Gewicht auf dem Fragebogen habe ich zwischen 60 und 63 Kilo angegeben. Jetzt ist Krapfenzeit und da wiege ich mehr. Aber am wohlsten fühle ich mich mit 59 Kilo. Nur, wenn ich die habe, dann sind meine Wangen zu sehr eingefallen. Wie finden Sie die jetzt?"
Macht 'ne Schnute. Ich rolle innerlich schon mit den Augen: "Sie haben wunderbare cheekbones."                                       
Sie kommt jetzt um den Tisch und deutet auf die Fotos, die vor mir liegen: "Nehmen Sie das vergrößerte Bild bitte auf gar keinen Fall. Mein Fotograf wollte es unbedingt abziehen aber ich finde, je älter ich werde, um so weniger Oberlippe habe ich. Das sieht einfach scheußlich aus. Vielleicht sollte ich sie unterspritzen. Melanie Griffith hat das auch getan. Mein Fotograf hat gesagt, mit der Oberlippe bekommst du keinen Mann mehr. Und sehen Sie die vier Einschnitte an der Lippe? Ist das nicht schlimm?" Ich: "Mir hat man kürzlich gesagt, dass meine Fältchen vom Rauchen kommen." Nach dem Namen des offensichtlich etwas bejahrteren Fotografen wollte ich sie schon gar nicht mehr fragen, obwohl ich vor Neugier platzte. Ahnte ich doch, wer es sein könnte.
Sie: "Wissen Sie woher ich diese Fältchen habe? Ich gurgle jeden Morgen mit Sonnenblumenöl.“ Sie macht mir die Mundbewegungen vor. „ Vierzigmal, das bringt das Gift aus dem Körper - kennen Sie das?" Ich nicke. Sie: "Jetzt habe ich das reduziert auf 10 x. Das mache ich schon seit 4 Jahren. Daher kommen diese Falten!  Und nun zerläuft mir immer der Lippenstift. Da sieht man so jüngferlich aus. Wissen Sie, was ich meine?"
Ich nicke und sage: "Das Lippenproblem hat doch jeder. Das kommt doch automatisch mit dem Alter."
Sie sieht mir scharf in 5 cm Entfernung auf die Lippen: "Nein, Sie haben das nicht." Ich: "Klar habe ich die auch. Nur Sie sehen den Anderen anders als sich selbst.  Bei Ihnen sieht das in Ihren Augen viel kritischer aus als es wirklich ist." Sie: "Nein, Sie haben das nicht. Welchen Lippenstift benutzen Sie?" Ich: "Eine Art  Bleistift, damit die Farbe nicht so schnell in die Falten läuft." Sie: "Zeigen Sie ihn mir bitte?"
Ich hole den Stift hervor. Sie: "Ist der Stift das Beste auf dem Markt?" Ich: "Keine Ahnung, ich habe ihn wegen der Farbe genommen."
Sie: "Ich pudere meine Lippenkonturen immer vorher ab, bevor ich den Lippenstift drauf tue und trotzdem zerläuft es. Und wenn ich etwas esse, gerade bei fettigen Sachen, läuft er ganz schnell auseinander."
Am liebsten hätte ich gesagt, Mensch, Mädchen - höre auf zu essen und wir haben alle unsere Ruhe.
Sie verabschiedete sich mit den Worten: "Sie sind eine ganz Liebe."
Nach den zwanzig Minuten denke ich das auch.